Andrei Kobjakow, Vize-Ministerpräsident von Belarus
Belarus: Das “vergessene” Land mitten in Europa
Belarus liegt mitten in Europa zwischen Polen, Lettland und Litauen, Russland und der Ukraine. Das Land ist fünf Mal so gross wie die Schweiz bei etwa gleicher Einwohnerzahl. Obwohl das Adjektiv “bely” im geografischen Sinne “westlich” bedeutet, leben die Belarussen in einem “vergessenen” Land. Westliche Medien berichten selten über Belarus – und wenn, dann mit der Abqualifizierung als “letzte Diktatur Europas”.
Dabei war Belarus die Musterrepublik der Sowjetunion bis zu deren Zusammenbruch 1991. Der Physiker und Mathematiker Stanislau Schuschkewitsch wollte danach als Parlamentspräsident die Demokratie und eine freie Marktwirtschaft einführen. Ende 1993 wurde er aber vom Vorsitzenden des Anti-Korruptionskomitees angeschwärzt und abgesetzt. Obwohl die Beschuldigungen falsch waren, wurde Schuschkewitsch nie rehabiliert.
Stattdessen wurde 1994 der Vorsitzende des Anti-Korruptionskomitees erster Präsident des jungen Staates Belarus. Der heute 56jährige Alexander Lukaschenko stoppte die Öffnung zur freien Marktwirtschaft und die Privatisierungen. Mit seiner autoritären Politik und einer staatszentrierten Wirtschaftspolitik führte er Belarus in die wirtschaftliche und politische Isolation – sowohl gegenüber Russland als auch Westeuropa.
Präsident Lukaschenko regiert Belarus mit harter Hand
Weil Alexander Lukaschenko mit harter Hand regiert und Medienfreiheit ein Fremdwort ist, malen westliche Medien von Belarus ein Holzschnitt-artiges Bild. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Belarus bestehen aber nicht nur aus dem autoritären Präsidenten.
So hat Belarus gemäss UNO den höchsten Lebensstandard aller GUS-Staaten. Bei internationalen Umfragen über die Lebenszufriedenheit liegt Belarus knapp hinter Russland – aber deutlich vor der Ukraine! Vor allem die Mittelschicht schätzt die ökonomische Sicherheit der Staatswirtschaft und das vergleichsweise gute Gesundheits- sowie Bildungssystem.
Seit 1996 erlebte Belarus einen wirtschaftlichen Aufschwung mit jährlichen Wachstumsraten von sieben bis acht Prozent. Die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise und die wegfallenden Subventionen für die Energieimporte aus Russland beendeten den Aufschwung, haben aber auch eine gute Seite: Sie zwingen Belarus zu durchgreifenden Wirtschaftsreformen und einem sanften Demokratisierungsprozess.
Der Besuch von Vize-Ministerpräsident Andrei Kobjakow bei der Welthandels- und Entwicklungskonferenz UNCTAD in Genf ist dazu ein erster, hoffnungsvoller Schritt.
Andrei Kobjakow, Vize-Ministerpräsident von Belarus
Andrei Kobjakow ist am 21. November 1960 in Moskau geboren und schloss 1983 am Moskauer Staatlichen Luftfahrtinstitut MAI als Maschinenbau-Ingenieur ab.
Wie viele Sowjetfunktionäre arbeitete sich Kobjakow von der Montagehalle bis in die Teppichetage hinauf. Von 1985 bis 1995 produzierte er Diaprojektoren in der Kleinstadt Rogatschow im Verwaltungsbezirk Gomel im Südosten des Landes. Unterbrochen 1989 bis 1991 von einem Zweit-Studium als Ökonom und Politologe an der Staatlichen Wirtschaftsuniversität und am Institut für Politische Wissenschaft und Soziales Management KPB in Minsk.
1995 wechselte Andrei Kobjakow in den Staatsdienst, zuerst als stellvertretender Leiter des Sicherheitsdienstes des Präsidenten. 1996 wurde er stellvertretender Vorsitzender der Staatlichen Kontrollkommission. Ab Juni 1998 führte Kobjakow den Staatskonzern für leichte Industriegüter, um im Dezember 1998 als Vorsitzender in die Staatliche Kontrollkommission zurückzukehren.
Im Jahre 2000 wurde Andrei Kobjakow Erster Stellvertretender Ministerpräsident und war von 2002 bis 2003 Wirtschaftsminister von Belarus. Seit Dezember 2003 ist er Vize-Ministerpräsident und seit Februar 2004 Vorsitzender des Aufsichtsrats der staatlichen JSC Belpromstrojbank.
Andrei Kobjakow ist verheiratet und hat eine Tochter und einen Sohn.
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