120. Geburtstag von Boris Pasternak: Die Tragödie um Doktor Schiwago
Jewgeni Pasternak, der Sohn des Literatur-Nobelpreisträgers Boris Pasternak.
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Von Jürg Vollmer / maiak.info
Jewgeni Pasternak: Die frühesten Erinnerungen an seinen Vater
“Die ersten sieben Jahre meiner Kindheit erlebte ich meinen Vater tagtäglich. Und auch nachdem sich Boris und Jewgenia Pasternak 1931 scheiden liessen, besuchte er uns jede Woche, las uns aus seinen Manuskripten vor und schrieb uns lange Briefe.”
Boris Pasternak las seiner Familie in den 1940er- und 1950er-Jahren jeden Tag aus den noch nicht veröffentlichten Manuskripten vor. Gedichte, Novellen, ganze Abschnitte aus “Doktor Schiwago” bekam sein Sohn Jewgeni in dem ochsenblutroten Holzhaus zu hören, welches in der Künstlerkolonie Peredelkino einige Kilometer südwestlich von Moskau steht.
Diese Vorlesestunden sind die frühesten Erinnerungen an den weltberühmten Vater, welche der heute 85-jährige Jewgeni Pasternak sorgsam pflegt.
Bedächtig, aber mit fester und ruhiger Stimme erzählt der älteste Sohn des Schriftstellers davon, so wie er auch Gedichte von Boris Pasternak aus dem Gedächtnis fehlerfrei rezitiert. Dabei wechselt er mitten im Gespräch vom Russischen nahtlos in ein perfektes Deutsch, das die Patina eines vergangenen Jahrhunderts trägt, und wieder zurück ins Russische. Immer wieder ertappt man sich als Zuhörer, dass man sich seinem Vater gegenüber glaubt, so sehr ist Jewgeni seinem Vater aus dem Gesicht geschnitten.
Deutsche Literatur beeinflusste Boris Pasternak
Die Biographie seines Vaters Boris Pasternak begann am 10. Februar 1890 im russischen Zarenreich. Als Sohn jüdischer Eltern geboren, wuchs Boris im Moskauer Künstler-Milieu auf. Sein Vater Leonid war ein ukrainischer Maler und Professor an der Moskauer Hochschule für Malerei, Bildhauerei und Architektur, seine Mutter die bekannte Pianistin Rosa Kaufmann (Rosalia Isidorowna Kofman).
“Zu den Freunden unserer Familie gehörten neben Lew Tolstoi, dessen Bücher mein Grossvater illustriert hatte, der Komponist Alexander Skrjabin und der deutsche Dichter Rainer Maria Rilke.”
Rilke war für Boris Pasternak der “Göttervater”, unter dessen Einfluss er deutsche Literatur verschlang. Ein Einfluss, der sich dadurch verstärkte, dass Boris die Deutsche Schule in Moskau besuchte und während des russischen Revolutionsversuches 1905/06 mit der ganzen Familie in Berlin Zuflucht fand.
Wieder zurück in Moskau, begann Boris 1909 sein Philosophie-Studium, das er ab 1912 an der Universität Marburg fortsetzte. In dieser Zeit reiste Boris Pasternak auch in die Schweiz und nach Italien. 1913 veröffentlichte er seine ersten Gedichte, 1914 seine Gedichtsammlung “Zwilling in Wolken” und 1917 „Über die Barrieren“, ab 1918 die ersten Prosa-Veröffentlichungen.
Boris Pasternak schrieb über 2.500 Briefe
Nach anfänglicher Begeisterung für die russische Oktoberrevolution 1917 verloren seine Eltern und Geschwister alle Illusionen und emigrierten 1921 für immer nach Deutschland. Auch Boris Pasternak war von der Brutalität und dem Terror der Revolution schockiert. Er blieb jedoch in Russland und wurde, weil er wegen einer Beinverletzung nicht zum Kriegsdienst eingezogen werden konnte, während des Ersten Weltkrieges in den Ural deportiert und interniert.
Nach Kriegsende durfte Boris Pasternak in sein Moskauer Elternhaus zurückkehren und heiratete 1922 die Malerin Jewgenia Lourié, die Schwester des russischen Komponisten Arthur Lourié. 1923 wurde Jewgeni Pasternak geboren, der heute das Erbe seines Vaters verwaltet. Obwohl dessen Eltern im fernen Deutschland lebten, stand Boris durch einen regen Briefwechsel in engem Kontakt zu Ihnen.
“Obwohl Vater in Moskau bleiben musste, konnte ich mit meiner Mutter Jewgenia zwei Mal die Grosseltern in Deutschland besuchen. Diese Reisen beeinflussten mich stark. Ich erhielt durch sie eine gewisse Freiheit, ein Gefühl des Selbstwertes, auch wenn dies in Zeiten des Kommunismus nicht ungefährlich war. Als ich zu Hause wieder an die Diktatur gebunden war, wie es mein Vater formulierte, ging mir meine innere Freiheit trotzdem nicht verloren. Ich behielt die Fähigkeit, auch in diesem schwierigen Umfeld wie ein Mensch zu reagieren.“
Boris Pasternak verdiente sich das Geld für seine kleine Familie als Bibliothekar und schrieb daneben die Werke “Leutnant Schmidt”, “Meine Schwester, das Leben” sowie “Das Jahr 1905″. Schon 1931 verliess der rastlose Autor aber Jewgenia und den gemeinsamen Sohn Jewgeni, der jetzt vor mir sitzt und sich in ein Schweigen hüllt, das mehr sagt als alle Worte.
“Meine schönsten Erinnerungen an diese Zeit sind die langen Gespräche mit meinem Vater Boris Pasternak, die langen Spaziergänge durch die Moskauer Strassen. Auf diesen Spaziergängen habe ich Moskau wie durch seine Augen gesehen.“
Boris Pasternaks erste Skizzen zu “Doktor Schiwago”
Boris Pasternaks neue Liebe hiess Sinaida Neuhaus, die Frau des russisch-ukrainischen Pianisten Heinrich Neuhaus. Nachdem sich Boris und Sinaida von ihren jeweiligen Ehepartnern hatten scheiden lassen, heirateten sie 1934. Mit seiner zweiten Frau und ihrem neugeborenen Söhnchen zog Boris Pasternak in die Künstlerkolonie Peredelkino bei Moskau. Er pflegte aber immer noch einen engen Kontakt zu Jewgenia und Jewgeni, wie dieser heute betont.
Boris Pasternak erlebte in Peredelkino aber keine sorglosen Jahre, denn er fiel politisch zwischen Stuhl und Bank: Obwohl er unter dem persönlichen Schutz von Stalin stand, ja sich sogar freiwillig an die Front des Zweiten Weltkrieges gemeldet hatte, wurde der Autor vom Sowjetischen Schriftstellerverband schikaniert. Dieser entzog ihm – möglicherweise war hier mehr Neid als Politik im Spiel – die Publikationsgenehmigung. In aller Stille schrieb er 1934 die ersten Skizzen zu „Doktor Schiwago“.
Boris Pasternak zwischen drei Frauen
Notgedrungen wurde die Übersetzung von Literaturklassikern aus dem Französischen, Englischen und Deutschen zu seinem „Brotberuf“. Berühmt sind seine Übertragungen von Goethes “Faust” und Shakespeare’scher Tragödien – und natürlich übersetzte er die Werke des von ihm hoch verehrten “Göttervaters” Rilke.
1943 schickte die Rote Armee Boris Pasternak mit einer “Schriftstellerbrigade” in den Zweiten Weltkrieg, dessen Geschehen er in den Gedichten des Sammelbandes “In den Frühzügen” und in “Irdische Weite” verarbeitete.
Auch in seinem Liebesleben lebte Boris Pasternak zwischen Stuhl und Bank: Einerseits lebte er getrennt von seiner ersten Frau Jewgenia und dem gemeinsamen Sohn Jewgeni mit seiner zweiten Frau Sinaida und deren Kindern, wobei diese beiden Patchwork-Familien offenbar harmonierten. Andererseits gab es ab 1946 noch eine dritte Frau – Pasternaks langjährige Geliebte Olga Iwinskaja. Wieder wird Jewgeni Pasternak einsilbig.
Boris Pasternak im emotionalen und politischen Chaos
Die 22 Jahre jüngere, sehr attraktive Blondine war Redakteurin der Literaturzeitschrift Novyj Mir. Jewgeni Pasternak schweigt sich darüber lieber aus. Ganz anders die dritte Frau im Leben seines Vaters, welche Jahre später schrieb: „Das war ein solcher fordernder, ein solcher einschätzender, ein solcher männlicher Blick, dass man sich unmöglich irren konnte: es war ein Mann gekommen, der einzige, den ich brauchte, eben jener Mann, der eigentlich längst mit mir zusammen war.“
So entstand die absurde Situation, dass Boris Pasternak ab 1947 fast täglich von seiner eigenen komfortablen Datscha im Künstlerdorf Paradelkino ins benachbarte Ismalkowo wanderte, wo seine Geliebte mit zwei Kindern aus zwei Ehen in einer winzigen Hütte leben musste. Abends kehrte er zu seiner zweiten Frau und den Söhnen zurück, an den Wochenenden zur ersten Frau mit seinem ältesten Sohn Jewgeni, da Pasternak sich nicht von seiner Familie trennen wollte.
Im emotionalen und politischen Chaos dieser Nachkriegsjahre schrieb Pasternak seinen ersten und einzigen Roman: „Doktor Schiwago“. Rund um die russische Oktoberrevolution 1917 beschreibt das Jahrhundertwerk die Konflikte des Intellektuellen Juri Schiwago zwischen seinen geistigen und religiösen Überzeugungen und der revolutionären, sozialistischen Realität. Das Vorbild für Lara, die weibliche Hauptfigur des Romans, war seine Geliebte Olga Iwinskaja. In deren Hütte schrieb Pasternak tagsüber „Doktor Schiwago“ – um abends seiner geschiedenen ersten Ehefrau und dem Sohn Jewgeni daraus vorzulesen.
Eine Familienfrau, eine Gesellschaftsfrau und Geliebte
“Aber es gibt weniger biographische Elemente in ‚Doktor Schiwago’, als viele Leser glauben. Boris Pasternak wollte, dass sein Held so frei wie möglich ist. Deshalb beschrieb er [der selbst jüdische Vorfahren hatte] Juri Schiwago als einen christlichen Russen, einen jungen Adligen und Arzt – und nicht als professionellen Schriftsteller. Mein Vater befreite Schiwago von allem, was ihn selbst Zeit seines Lebens daran gehindert hätte, das zu sagen, was er sagen und schreiben wollte.“
Weil sich die Kommunistische Partei und der KGB an den prominenten Schriftsteller unter Stalins Fittichen nicht heranwagten, benutzten sie Olga Iwinskaja als Druckmittel. Als die Geliebte schwanger wurde, verhaftete sie der KGB im Oktober 1949 und verurteilte sie „wegen Nähe zu spionageverdächtigen Personen” zu fünf Jahren Arbeitslager. Olga verlor ihr Kind durch eine Fehlgeburt, weshalb Pasternak aus Schuldgefühlen während der Haft ihre Familie unterstützte.
Nach Olgas Freilassung 1953 ging alles weiter wie zuvor. Seine erste und zweite Frau organisierten das Familienleben und die gesellschaftlichen Verpflichtungen, seine Geliebte Olga Iwinskaja war die Privatsekretärin und Literaturagentin von Boris Pasternak, der hart an seinem Roman „Doktor Schiwago“ arbeitete.
Boris Pasternak war unberechenbar
“Er war aber auch ein sehr humorvoller Mensch. Er machte Scherze und er sprach die Wahrheit, dazwischen gab es nichts. Er stand zu seinen Worten. Jeder Satz hatte seine Bedeutung, jeder Satz beeindruckte die Menschen. Auch wenn er oft Dinge sagte, welche die Menschen nicht von ihm erwarteten, denn mein Vater war unberechenbar in seinen Entscheidungen.“
Tatsächlich traf der 66-jährige Pasternak im Frühling 1956 eine unerwartete Entscheidung, als er das Manuskript von „Doktor Schiwago“ abschloss, dessen Publikation der Sowjetische Schriftstellerverband und die Kommunistische Partei sofort verboten.
Weil Pasternak gerade einen Herzinfarkt hinter sich hatte und die Veröffentlichung des Romans noch erleben wollte, übergab er das Manuskript einem italienischen Journalisten, der es aus der Sowjetunion heraus schmuggelte und dem Mailänder Verlag La Feltrinelli weiter gab.
Giangiacomo Feltrinelli – selbst (noch) ein überzeugter Kommunist – publizierte den Roman gegen den Widerstand der Sowjetunion sowie der Kommunistischen Partei Italiens KPI. Sowohl Pasternaks erste und zweite Ehefrau als auch seine Geliebte Olga, die eine erneute Verhaftung fürchtete, waren entsetzt und versuchten alles, um die Publikation zu verhindern. Vergeblich.
Die italienische Erstausgabe “Il Dottor Zivago” wird heute für mindestens 1.100 Euro gehandelt. Seit 2005 gibt es einen Reprint für günstigere 6 Euro, der Nachdruck hat natürlich nicht die Authentizität des 50jährigen Originals.
“Doktor Schiwago“ wurde der erste Weltbestseller…
“Doktor Schiwago” erschien 1957 in Italienisch und 1958 in Deutsch. Feltrinelli hatte mit dem Buch eine glückliche Hand: „Doktor Schiwago“ wurde zum ersten Weltbestseller. Bereits zwei Jahre nach seiner Veröffentlichung wurde Pasternaks Roman weltweit in 18 Sprachen übersetzt.
1958 wurde Boris Pasternak “für seine bedeutende Leistung sowohl in der zeitgenössischen Lyrik als auch auf dem Gebiet der grossen russischen Erzähltradition” für den Literatur-Nobelpreis nominiert. Zunächst telegraphierte er „unendlich dankbar, bewegt, stolz, überrascht, verwirrt” nach Stockholm, dass er die Auszeichnung gerne annehme.
Nachdem Pasternak ersten Druckversuchen trotzte, beschloss die Kommunistische Partei eine Rufmordkampagne sondergleichen gegen den Dichter. Die Literaturnaja Gazeta brachte eine zweiseitige Schimpfkanonade gegen ihn und die Studenten des Moskauer Literaturinstituts krakeelten “Judas raus aus der Sowjetunion” forderten seine Ausbürgerung.
Am 28. Oktober 1958 verzichtete Pasternak auf den Nobelpreis, weil er sich um seine Söhne und seine zwei Frauen sorgte – aber auch um seine Geliebte Olga Iwinskaja, die wieder verhaftet werden sollte. In einem zweiten Telegramm schrieb er nach Stockholm: “Mit Rücksicht auf die Bedeutung, die in der Gesellschaft, der ich angehöre, dieser Auszeichnung beigemessen wird, muss ich auf den mir zugedachten unverdienten Preis verzichten. Ich bitte Sie, meinen freiwilligen Verzicht nicht für eine Unhöflichkeit zu halten.”
… aber Boris Pasternak muss auf Literatur-Nobelpreis verzichten
Es folgten drei dramatische Tage. Zuerst hielt der Vorsitzende der kommunistischen Jugendorganisation Komsomol im Fernsehen seine berüchtigte „Schweinerede“. Wladimir Semitschastny forderte die Ausbürgerung des Autors und verglich Boris Pasternak mit Schweinen:
“In jeder guten Herde hat es ein schwarzes Schaf. Unsere sozialistische Gesellschaft hat ihr schwarzes Schaf in der Person von Boris Pasternak mit seinem verleumderischen Werk. Dieser Mann spuckt in das Gesicht unseres Volkes. Ein Schwein scheisst nie dorthin, wo es isst und niemals dorthin, wo es schläft. Man kann Pasternak nicht einmal mit einem Schwein vergleichen, denn ein Schwein würde nie das tun, was er getan hat. Pasternak hat dort hingeschissen, wo er gegessen hat.”
Boris Pasternak wollte sich zuerst mit Olga das Leben nehmen, was diese gerade noch verhindern konnte, dann wollte er aus Angst sofort ins Exil ausreisen. Jewgenia und Sinaida wollten aber mit den Kindern in der Sowjetunion bleiben, nur Olga wäre ihm gefolgt. Der Schriftsteller blieb in Moskau.
Noch am gleichen Tag forderte aber der Moskauer Schriftstellerverband ebenfalls seine Ausbürgerung: “Kein anständiger Mensch, kein Schriftsteller, niemand, dem das Ideal des Fortschritts und des Friedens teuer ist, wird ihm, der die Heimat und das Volk verraten hat, die Hand reichen”, formulierten die “Kollegen”. Erst am 31. Oktober teilte man Pasternak mit, Chruschtschow sehe von einer Ausbürgerung ab. Pasternak musste aber in einem Brief an das sowjetische Volk öffentlich Abbitte leiste.
“Erstaunlicherweise strahlten seine Gedichte auch nach den Ereignissen von 1956 bis 1958 Leichtigkeit und oft sogar Fröhlichkeit aus”, stellt Jewgeni Pasternak im persönlichen Gespräch fest. “Erst in seinen letzten Monaten, beeinflusste die Tragik seines Lebens auch sein dichterisches Schaffen.“
“Pasternaks gewaschener Roman”
Fünfzig Jahre später veröffentlichte der russische Publizist Iwan Tolstoi nach jahrelangen Recherchen im historischen Archivmaterial das Buch “Pasternaks gewaschener Roman” * “Отмытый роман Пастернака”. Über 500 Seiten deckt das Sachbuch auf, dass ausgerechnet der amerikanische Geheimdienst CIA die Publikation von “Doktor Schiwago” in russischer Sprache forcierte.
Dass die CIA an der Publikation eines Autors interessiert war, der vom Sowjetregime willkürlich zensuriert und drangsaliert wurde, lag in der ideologischen Natur des Kalten Krieges. Durchaus erklärbar deshalb, dass Pasternak selbst nichts von den Bemühungen der CIA um die Veröffentlichung seines Romans in russischer Sprache wusste.
Das Buch von Iwan Tolstoi liest sich bei aller Detailgenauigkeit streckenweise wie ein Krimi. Und der Slawist Felix Philipp Ingold stellte in seiner Rezension von “Pasternaks gewaschener Roman” fest: “Der bisher eher monokausal erkläre Fall ist viel komplexer als gedacht.”
Der KGB droht Boris Pasternaks Geliebten mit Verhaftung…
Im Januar 1959 wollte sich Boris Pasternak von Sinaida scheiden lassen, um mit Olga zusammen zu ziehen. Als er jedoch im letzten Augenblick einen Rückzieher machte, drohte sie, ihn zu verlassen. Daraufhin schrieb Pasternak sein Gedicht „Nobelpreis”, in dem er seine Ausweglosigkeit und Verzweiflung zu erkennen gab. Offenbar abgeschwächt wurde es in einer britischen Zeitung publiziert, in einer nicht veröffentlichten Variante ist das Gedicht auch eine Liebeserklärung an Olga.
Boris Pasternak musste sich vor dem Obersten Staatsanwalt verantworten, Olga wurde in die Lubjanka zitiert, wo ihr der KGB mit einer erneuten Verhaftung drohte.
“Boris Pasternak sprach nie von diesen schrecklichen Dingen. Er wollte uns davor beschützen und behielt seinen ganzen Schmerz für sich. Für mich war Boris ein heroischer Mann.“
Während Sinaida auf Anweisung des KGB Pasternaks Haus in Peredelkino für Ausländer verschlossen hielt, gingen in Olgas Wohnung westliche Gäste ein und aus. Sie schmuggelten in einem Jahr 360.000 Rubel aus Pasternaks Honoraren ein, die er grosszügig an Olga, Sinaida und Jewgenia weitergab.
“Ich erinnere mich genau an die letzten Monate seines Lebens im Jahre Sommer 1959. Wir lebten alle zusammen in der Datscha. Drei Generationen der Familie Pasternak, von meinem Vater Boris über mich bis zu meinem Sohn. Boris arbeitete bis spät in die Nacht, er wollte das Theaterstück ‘Blinde Schönheit’ unbedingt fertig schreiben, schaffte es aber nicht mehr. Dafür beantwortete er alle Briefe von Künstlern und Intellektuellen aus den verschiedensten Ländern dieser Welt.”
… und lässt Boris Pasternaks Testament verschwinden
“Boris Pasternak diskutierte auch lange mit dem Komponisten und Dirigenten Leonard Bernstein, der uns auf der Datscha besuchte. Bernstein war heillos empört darüber, dass ein grossartiger Künstler im Fernsehen mit Schweinen verglichen wurde. Er fragte meinen Vater, wie man mit einer solchen Regierung leben könne. Boris Pasternak stand darüber und erklärte Bernstein, dass Gott ihm dieses Leben geschenkt habe, damit er darüber schreiben könne. Ob es eine Komödie oder eine Tragödie werde, entziehe sich seinem Einfluss.”
Im April 1960 setzte der mittlerweile todkranke Boris Pasternak seine Geliebte Olga als Erbin seiner Tantiemen ein – eine Verfügung, die vermutlich der sowjetische Geheimdienst KGB verschwinden liess. Dessen Direktor wurde kurz darauf ebenjener Wladimir Semitschastny, der drei Jahre früher die berüchtigte “Schweinerede” gehalten und Pasternak damit beinahe in den Selbstmord getrieben hatte.
Der KGB liess Olga während den letzten zwei Monaten seines Lebens auch nicht mehr in Pasternaks Haus, sie wurde völlig isoliert. Als der Dichter am 30. Mai 1960 in Peredelkino an Lungenkrebs starb, konnte sie sich erst an seinem Grab von ihm verabschieden.
Die Enttäuschung brachte Boris Pasternak um
“Dieser Krebs breitete sich sehr schnell aus. Seine Ursache waren die politische Verfolgung, das Publikationsverbot und die vielen Enttäuschungen, welche Boris Pasternak in seinen letzten Lebensjahren erfahren musste, da bin ich mir sicher.”
Solche Details durfte Jewgeni erst Jahrzehnte später in der Biographie über seinen Vater publizieren, welche in englischer Übersetzung unter dem Titel „Boris Pasternak: The Tragic Years 1930-60“ erschien.
“Als ich mit meiner Frau Elena begann, die erste Fassung der Biographie von Boris Pasternak aufzuschreiben, wussten wir aber noch zu wenig über die ganzen Hintergründe. Und vieles von dem, was wir wussten, durften wir in der ersten und sogar einer späteren zweiten Fassung der Biographie nicht erwähnen. So wie zum Beispiel den Roman ‚Doktor Schiwago’ und seine Geschichte.“
Im August 1960 schickte ein Verleger der Erbin Olga 500.000 Rubel. Die Mittelsmänner standen aber mit dem KGB in Verbindung, so dass sie am 16. August verhaftet und wegen Schmuggels angeklagt wurde, etwas später ihre Tochter Irina. Olga wurde zu acht Jahren, Irina zu vier Jahren Zwangsarbeit verurteilt, die sie je zur Hälfte abbüssten mussten. Als Hemingway, Moravia und andere bekannte Schriftsteller gegen das Urteil protestierten, liess Chruschtschow die missliebige Geliebte charakterlich verleumden.
“Doktor Schiwago”: 27 Jahre zu spät in Russland
1965 kam „Doktor Schiwago“ von Regisseur David Lean in die Kinos – der verschwenderisch ausgestattete Film wurde zum grössten Teil in Spanien (sic!) gedreht. In den Hauptrollen spielen der Ägypter (sic!) Omar Sharif als Juri Schiwago und Julie Christie als Lara. Dieser gewann 1966 gleich fünf Oscars und wurde zum internationalen Kinoerfolg.
Aber erst 1987 – ganze 27 Jahre nach dem Tod von Boris Pasternak – unter Michail Gorbatschow und dessen Glasnost konnte der Roman „Doktor Schiwago“ in der Sowjetunion publiziert werden, wurden Boris Pasternak und Olga Iwinskaja offiziell rehabilitiert. Als Olga einige Jahre später starb, schrieb die Iswestija – eine der ältesten und einflussreichsten Zeitungen des heutigen Russlands – in ihrem Nachruf: “Es ist nicht leicht, in Russland die Muse eines Dichters zu sein.”
“Erst 1989 durfte ich in einer besonderen Zeremonie den von Boris Pasternak unter Zwang abgelehnten Nobelpreis in Stockholm stellvertretend für meinen Vater entgegen nehmen. Wenn auch nur die Medaille und die Urkunde. Das mit dem Nobelpreis verbundene Geld erhielt ich genau so wenig wie mein Vater.”
HONORARFREIER ABDRUCK
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