Theophanie mit der Grossen Wasserweihe: Wichtiger Feiertag im orthodoxen Kirchenjahr
Von Jürg Vollmer
Grosse Wasserweihe als symbolische Weihe der ganzen Schöpfung
Der Gottesdienst der Grossen Wasserweihe wird zum Gedenken der Taufe Jesu am Tag der Erscheinung des Herrn gefeiert. Dieser Feiertag wird im Westen als Epiphanias bezeichnet, in den russischsprachigen Ländern als Theophanie. Ihren Ursprung hat die Grosse Wasserweihe in der ganz frühen Kirchenpraxis, wobei es damals noch keine festen Regeln gab, wann und wo genau sie zu welchen Anlässen durchzuführen war, wohl aber für den Ablauf, der immer bestimmte Gebete und das Eintauchen des Kreuzes in das Wasser vorsah.
Heute wird die Grosse Wasserweihe am 19. Januar gefeiert (6. Januar im gregorianischen Kalender). Durch die Taufe Jesu im Jordan wurde das Wasser dieses Flusses und jedes Flusses gesegnet. Deshalb werden mit der Grossen Wasserweihe bis heute die ganze Natur und Schöpfung geweiht, während mit der Kleinen Wasserweihe in der Kirche oder in einem Haushalt ausschliesslich die damit besprengten Gläubigen oder Gegenstände gesegnet werden.
Die Grosse Wasserweihe kam von Jerusalem über Konstantinopel nach Osteuropa, im Laufe der Jahrhunderte sogar bis nach Süditalien, das noch lange unter der Herrschaft von Konstantinopel lebte. Während der Jordan im Nahen Osten ganzjährig warmes Wasser führt und eine Taufe im Januar durchaus nachvollziehbar ist, fällt der festliche Tag in den Ländern der russischsprachigen orthodoxen Gläubigen mitten in den strengsten Winter. In Russland muss deshalb oft erst ein Loch ins Eis gehauen werden, damit der orthodoxe Priester mit dem Kreuz das Wasser weihen kann.
Gläubige tauchen an der Grossen Wasserweihe ins eiskalte Wasser
Die Grosse Wasserweihe gehört zu den eindrucksvollsten Gottesdiensten der orthodoxen Kirche. “Sie ist Zeichen des Glaubens, dass durch die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus die gesamte Schöpfung sich verklärt hat und alles neu geworden ist”, erklärt Lektor Daniel Schärer von der Russisch-orthodoxen Auferstehungskirche vor der Grossen Wasserweihe am Zürichsee. Denn auch weit weg vom Jordan oder von den gefrorenen Flüssen in Russland leben Gläubige, welche diesen Feiertag jährlich begehen, der zu den drei wichtigsten im orthodoxen Kirchenjahr gehört.
In Zürich findet die feierliche Liturgie am 19. Januar am Zürichhorn statt. Die Gemeinde versammelt sich mit Prozessionsfahnen, mit der Festtags-Ikone, dem kostbaren goldenen Kreuz und dem Evangeliar am Bootssteg. Vater Oleg Batov legt das Kreuz und das Evangelienbuch auf ein Analogion, dann werden Kerzen angezündet. Der Priester beräuchert den Tisch, die Festtags-Ikone und alle Gläubigen, während die Liturgie gesungen wird.
Dann taucht Vater Oleg Batov das goldene Kreuz drei Mal in den Zürichsee, der an diesem Tag mit seinem Wasser die ganze Schöpfung weiht. Die erwachsenen Gläubigen tauchen nacheinander in das Gewässer, zuletzt auch Vater Oleg Batov und Lektor Daniel Schärer. Es ist eine lebendige Zeremonie, bei der viel gelacht und nach dem Bad im winterlichen Zürichsee auch ein Schluck getrunken wird. Im Gegensatz zu den Gläubigen in ihren russischsprachigen Heimatländern tauchen aber keine Mütter ihre Säuglinge nach alter Sitte in das eiskalte Wasser.
In den südlicheren Ländern wirft der Priester zum Schluss sein goldenes Kreuz ins Meer, nach dem die Jugendliche tauchen. Wer das Kreuz im tiefen Wasser findet, erhält den gesonderten Segen und besucht danach mit dem Kreuz alle Haushalte. Dort erhält er Weihnachtsgebäck und ein paar Münzen.
In allen Ländern nehmen die orthodoxen Gläubigen das bei der Grossen Wasserweihe gesegnete Wasser in Flaschen mit nach Hause. Sie segnen damit ihr Haus, die Haustiere oder auf dem Land die Tiere im Stall, ja sogar Autos und Computer werden damit gesegnet. Das gesegnete Wasser soll nie verderben, selbst wenn es ein Jahr lang in der Flasche neben der Ikone im Haus steht. Benutzt wird es in grosser Not, bei Krankheit oder Angst.
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