Was ist das “Geheimnis” der Orthodoxie?
Durch die geweihte Ikone wird die dargestellte Person für den orthodoxen Gläubigen real, weshalb sie einer Ikone mit besonderer Ehrfurcht begegnen.
Foto: Jürg Vollmer / maiak.info
Von Maria Wernsmann / maiak.info
Weltweit die drittgrösste christliche Gemeinschaft
Die östlichen Kirchen sind mit 225 Millionen Angehörigen die drittgrösste christliche Gemeinschaft der Welt. Die Orthodoxie ist traditionell vor allem in Osteuropa verbreitet, von Russland im Norden bis Mazedonien im Süden, aber auch in Griechenland, in der Türkei, Zypern, Israel und Ägypten sowie in Nordamerika und Japan.
Heute gibt es vierzehn autokephale Kirchen: Sie sind rechtlich und geistlich selbständig und haben ein eigenes Oberhaupt – einen Patriarchen oder einen Metropoliten respektive Erzbischof.
Von den autokephalen Kirchen gehen fünf auf die Antike zurück: das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel (heute Istanbul) und die Orthodoxen Patriarchate von Alexandrien (Ägypten), Antiochien (heute Antakya in der Südtürkei) und Jerusalem sowie die Kirche von Zypern.
Sie haben in den vergangenen Jahrhunderten anderen Kirchen die Autokephalie verliehen: den Patriarchaten von Moskau und ganz Russland, von Serbien, Rumänien, Bulgarien und den Kirchen von Georgien, Griechenland, Polen, Albanien sowie Tschechien und der Slowakei.
Orthodoxe Kirche – im Singular oder Plural?
Trotz dieser vielen Kirchen kann man von der Orthodoxie sprechen, von einer orthodoxen Kirche. Es gibt nur wenige fundamentale Unterschiede und Streitpunkte, wie zum Beispiel die Autokephalie oder Autonomie von Kirchen, die eine Vorstufe zur Autokephalie bildet. Welche Kirche hat das Recht, eine andere Kirche in die Autokephalie oder Autonomie zu entlassen? So ist die Autonomie der Kirchen von Estland, Amerika und Japan umstritten.
Geringe Unterschiede gibt es auch im Kalender und beim Fasten sowie in den Beziehungen zu anderen christlichen Kirchen.
Zur Rolle des panorthodoxen Konzils
Über solche Differenzen wird bei der Vorbereitung des gesamtorthodoxen (panorthodoxen) Konzils diskutiert. Mitte Dezember 2009 planen Delegationen der vierzehn autokephalen orthodoxen Kirchen in Chambésy am Genfersee die Tagesordnung dieses Konzils. Die Vorarbeiten laufen seit 1961, aber noch ist ungewiss, ob und wann das orthodoxe Konzil stattfinden wird.
Ein panorthodoxes Konzil könnte Differenzen erstmals mit hoher Autorität lösen. Grundsätzlich kennt die Orthodoxie aber keine für alle Kirchen und Gläubigen verbindliche Instanz. Entscheidungsbefugt sind in den Diözesen die Bischöfe und auf der Ebene der autokephalen Kirche die Synode der Bischöfe.
Damit unterscheidet sich die Orthodoxie von der zentralistischen Struktur der römisch-katholischen Kirche mit ihrem Papst. Dem Patriarchen von Konstantinopel kommt zwar ein Ehrenvorrang zu, er ist aber nicht das Oberhaupt oder der “Papst” der Orthodoxie.
Hüterin des Erbes der Alten Kirche
Die Grundlage jeder christlichen Konfession ist die Bibel. In der römisch-katholischen Kirche kommt die Tradition als Autorität hinzu, der Papst und die Bischöfe spielen in der kirchlichen Lehre eine grosse Rolle. Für die Orthodoxie sind dagegen die Traditionen der Alten Kirche zentral: Sie bilden neben der Bibel die Grundlage.
Die Orthodoxie ist überzeugt, die Überlieferungen der Kirchenväter vor 1500 Jahren von Kirchenstrukturen und vom kirchlichen Leben besonders getreu bewahrt zu haben. Viele kirchliche Regelungen gehen auf die Versammlungen der Alten Kirche zurück – ein kodifiziertes Kirchenrecht wie in der römisch-katholischen Kirche gibt es nicht.
Diese besondere Gewichtung von Traditionen ist für die Orthodoxie der Ausgangspunkt für eine lebendige und dynamische Denkweise, welche die Traditionen in der Gegenwart angemessen zum Ausdruck bringen möchte.
Wichtig ist zum Beispiel heute noch das Mönchtum, das im 4. Jahrhundert im Osten entstanden ist und sich erst von dort aus im Westen verbreitete: Die zölibatär lebenden Bischöfe werden traditionell aus dem Mönchsstand gewählt. Priester dürfen dagegen (vor ihrer Weihe) heiraten.
Ein bedeutendes und berühmtes Zentrum des orthodoxen Mönchtums ist der Heilige Berg Athos, eine Halbinsel in Griechenland, auf dem sich 20 grössere und mehrere kleinere Klöster befinden.
Mystisches Erleben statt dogmatischen Definitionen
Neben den Traditionen der Alten Kirche ist die Liturgie wichtig. Der Begriff “orthodox” steht für die “rechte Lehre” und den rechten Lobpreis Gottes. Letzteres prägt die ostkirchliche Theologie stark. Die Liturgie und die liturgische Erfahrung sind Fixpunkte für das Selbstverständnis der Orthodoxie.
Die Erfahrung des Gottesdienstes ist wichtiger als dogmatische Definitionen. Das zeigt die besonders feierliche Liturgie. Im orthodoxen Gottesdienst duften Weihrauch und Kerzen, der Gesang ist eindrucksvoll und die Gewänder der Priester prachtvoll. Der sonntägliche Gottesdienst dauert bis zu zwei Stunden, an Festtagen sogar drei Stunden.
Ikonen und Ikonostasen
Viele Menschen verbinden mit der Orthodoxie die Ikonen – mit viel Gold gemalte Darstellungen von Jesus Christus, der Gottesmutter Maria und den Heiligen. Ikonen stehen im orthodoxen Haushalt in der Gebetsecke an der Ostwand des Hauses.
Die Ikonen bedeuten den orthodoxen Gläubigen so viel, dass sie diese beim Betreten eines Zimmers grüssen. Die Ikone ist nicht nur ein schönes, prächtiges Bild: Durch die geweihte Ikone wird die dargestellte Person real, eine Ikone macht das Dargestellte präsent. Dieser realen Präsenz Christi begegnen die Gläubigen mit besonderer Ehrfurcht.
Ikonen prägen auch die Liturgie: Eine Ikonenwand (Ikonostase) trennt den Altarraum vom Raum der Gemeinde, so dass die Gläubigen einen grossen Teil des Gottesdienstes nicht sehen. Die passive Rolle orthodoxer Gläubiger in der Liturgie erscheint befremdend im Vergleich zum katholischen oder protestantischen Gottesdienst, in dem die Gläubigen das liturgische Geschehen aktiver mitvollziehen. Aber darum geht es den orthodoxen Gläubigen nicht – sondern um das mystische Erlebnis, die Erfahrung.
HONORARFREIER ABDRUCK
Dieser Text ist lizenziert unter Creative Commons BY-NC-ND.
Sie dürfen diesen Text mit Nennung des Autors und von maiak.info honorarfrei vervielfältigen, verbreiten und öffentlich zugänglich machen (aber nicht anderen Medien verkaufen!).
- Download in Adobe Acrobat (.pdf), Microsoft Word (.doc) oder Plain Text (.txt)
Username: Manuskript, Password: Download - “Dossier: Die orthodoxen Kirchen Osteuropas” (Weitere Texte zum Thema)
- Epiphanie / Grosse Wasserweihe am Zürichsee (2009) (Aktuelle Fotos der Konferenz in Chambésy folgen)
Verwandte Artikel:
- Dossier: Die orthodoxen Kirchen Osteuropas
- Die Geschichte der Orthodoxie zwischen Theologie und Politik
- Die Rolle der Orthodoxie in Politik und Gesellschaft von Osteuropa
- Theophanie mit der Grossen Wasserweihe: Wichtiger Feiertag im orthodoxen Kirchenjahr
- kulturama.org aus Osteuropa, MAN-LKW aus Russland und Orthodoxie in Twitter
Das Geheimnis der Orthodoxie ist, dass es keine Geheimnisse gibt – es heisst “komme und sehe”, was Wahrheit ist. Auch “das mystische Erlebnis” ist die Erfindung des blind gewordenen Westens – die Orthodoxie zeigt dagegen den sicheren und durch die Erfahrung von unzähligen Vätern geprüften Weg, unseren Schöpfer REAL zu erleben (wohl gemerk: nicht des einen oder des anderen “Pseudogeistlichen”, sondern der Gesamtheit der Kirchenväter, deren Lehren von der Anwesenheit des gleichen Geistes zeugen, mit dem die Bibel geschrieben wurde). Dieser Weg fängt damit an, dass man einen ehrlichen Blick in sein Inneres wagt, statt das Böse draussen zu suchen, und fängt das Ausmissten an… Aber es ist solch ein unschöner Anblick, dass viele es vorziehen, sich damit gar nicht auseinanderzusetzten und suchen nach “alternativen Methoden”: Humanismus, Sozialismus, Existenzialismus usw, usw… Aber die Sache ist: das Böse ist nicht draussen, es ist in unserer Seele (oft sehr gut versteckt – es ist eben eine Schlange) und es gibt keinen anderen Weg, um es zu bekämpfen, als um Christus Hilfe zu rufen (”Keiner kann zum Vater kommen, ausser durch Mich”) Er alleine ist der Erlöser – aber nicht im mystischen Sinne, sondern in dem realen – indem Er uns Kraft dafür gibt, das Böse vom Guten zu unterscheiden und ihm zu widerstehen. Der orthodoxe Christ hofft nicht auf die “Erlösung nach dem Tod”, sondern kämpft mit seinem persönlichen Mephistopheles jetzt, heute, bis Ende seines Lebens. Der Zustand, in dem die Seele nach dem Tod eintritt, ist entweder ihr Paradis oder ihre Hölle.