medienheft: Funding Journalism am Beispiel von maiak und ProPublica

Das medienheft berichtet am Beispiel von maiak und ProPublica über den Funding Journalism. “Der spendenfinanzierte Journalismus ist auch in Europa angekommen”, schreibt die Autorin Nicole Tepasse. Herausgeber von medienheft sind die Kommunikationsdienste von Reformierte Medien und Katholischer Mediendienst der Schweiz.
medienheft, logo

Das medienheft berichtet am Beispiel von maiak und ProPublica über den Funding Journalism.

(Foto/Screenshot: medienheft.ch)

Guter Journalismus braucht Zeit und Geld

“Guter Journalismus braucht Zeit und Geld. Gleichzeitig stehen Zeitungen und Verlage immer stärker unter finanziellem Druck”, schreibt Nicole Tepasse in einem Hintergrundbeitrag für das medienheft über den Funding Journalism. Tepasse promoviert in Medienwissenschaft und volontiert zurzeit bei der Wochenzeitung “Das Parlament” in Berlin. Nachfolgend ein Auszug mit dem Teil über maiak aus dem interessanten Hintergrundbeitrag.

maiak: Funding Journalism ist auch in Europa angekommen

Spendenfinanzierter Journalismus ist auch in Europa angekommen. Nach dem Vorbild von Pro Publica in den USA ging vor rund einem Jahr in der Schweiz maiak an den Start. Der Schwerpunkt des Newsroom for Eastern Europe liegt allerdings nicht auf investigativem Journalismus, erklärt Jürg Vollmer, Chefredakteur von maiak und bislang einziger Mitarbeiter des spendenfinanzierten Projekts.

“Im Dezember 2008 habe ich mit einer Gruppe Schweizer Unternehmer diskutiert, die teilweise schon seit Sowjetzeiten Kontakte mit Osteuropa pflegten. Deren Tenor: Schweizer Printmedien berichten zu wenig über Russland, Belarus und die Ukraine. Und wenn, dann würden sie nicht den Hintergrund der Probleme und die Lösungsversuche dieser Transformationsländer aufzeigen, sondern lustlos die tagespolitische Agenda abhandeln”, erinnert sich Vollmer.

Da er zuvor immer wieder über ProPublica gelesen habe, erklärte er den Unternehmern das Prinzip des spendenfinanzierten Journalismus und dass er für ein solches Projekt bereit sei, so Vollmer, der zuvor unter anderem für das Schweizer Fernsehen und für osteuropäische Nichtregierungsorganisationen gearbeitet hat. “Drei Tage später rief mich einer dieser Unternehmer an und sagte, dass er zusammen mit seinen Freunden ein Projekt zur Verbesserung der Berichterstattung über Russland, Belarus und Ukraine finanzieren werde.” Vollmer ging nochmals über die Bücher, las alles über ProPublica und stellte fest, dass das Prinzip des Funding Journalism auch in der Schweiz funktionieren könnte, wenn auch nicht in der US-amerikanischen Umsetzung.

maiak geht einen typisch schweizerischen Weg

Zwar bezeichnet Vollmer ProPublica als Vorbild, doch mit maiak müsse er “einen typisch schweizerischen Weg” gehen. Im Zahlenvergleich bedeutet das: Den mehr als 30 Journalisten von ProPublica steht bei maiak ein Chefredakteur gegenüber, der für jeden Hintergrundbeitrag geeignete freie Autoren sucht – derzeit gibt es einen Stamm von 24 freien Journalisten. “Erst wenn sich das Konzept des Funding Journalism in der Schweiz bewährt und wenn die langfristige Finanzierung einer grösseren Redaktion gesichert ist, kommt ein Ausbau der Ressourcen in Frage”, so Vollmer.

Die Finanzierung von maiak ist bis 2014 gesichert, gemessen an dem Ziel, einen Hintergrundbericht pro Woche über Russland, Belarus und die Ukraine zu veröffentlichen. Seit Mai 2010 wird der Trägerverein ergänzt durch Nichtregierungsorganisationen, die der Dachorganisation Gesellschaft Schweiz-Russland angeschlossen sind, deren Co-Präsident Jürg Vollmer ist. Dennoch: Im Gegensatz zu dem zehn Millionen US-Dollar Jahresbudget von ProPublica muss maiak mit 150’000 Schweizer Franken pro Jahr auskommen.

Zwischen Neugier und Skepsis

“maiak vermittelt ein vielfarbiges und differenziertes Bild von Russland, Belarus und Ukraine”, ist auf der Webiste als Losung ausgegeben, die Hintergrundberichterstattung ist also das vorrangige Ziel. Allerdings funktioniert das ProPublica-Prinzip der maiak-Beiträge in den Schweizer Medien derzeit noch nicht wie gewünscht.

Vollmer sieht dafür verschiedene Gründe: Zum einen herrscht Skepsis gegenüber dem Konzept des spendenfinanzierten Journalismus. “Einige Redakteure glauben, Funding Journalism sei Public Relations. Sie haben das Konzept nicht verstanden”, vermutet Vollmer. Zum anderen würde die journalistische Agenda von Auslandsthemen aus Nahost, Afghanistan oder dem Irak bestimmt. Das nahe liegende Osteuropa werde einfach vergessen und die Frage der Relevanz für den Schweizer Leser gar nicht gestellt.

“Interessant ist das Phänomen, dass immer wieder Schweizer Redakteure von ProPublica schwärmen und dann erklären: ‘Aber das ist bei uns nicht nötig, im Gegensatz zu den Amerikanern haben wir ja Qualitätsjournalismus’. Wenn man dann fragt, wann ihre Zeitung den letzten Hintergrundbeitrag über Belarus im Blatt hatte, herrscht Schweigen”, kritisiert Vollmer. Ausser der Neuen Zürcher Zeitung habe keine andere schweizerische Tageszeitung mehr einen eigenen Korrespondenten in Moskau. Selbst der Tages-Anzeiger übernehme die Russland-Berichterstattung von der Süddeutschen Zeitung, so Vollmer.

Funding Journalism hat Zukunft

Die Gefahr, dass Redaktionen ihre eigenen Recherchen zurückfahren könnten, wenn sie auf kostenlose Angebote spendenfinanzierter Newsrooms zurückgreifen können, schätzt der Medienwissenschaftler Stephan Weichert als gering ein. “Jede Redaktion, die an der Stelle spart, denkt kurzfristig und schadet letztlich der eigenen Marke”, sagt Weichert, für den spendenfinanzierter Journalismus “ein Grund zur Freude” ist: “Je mehr Redaktionen bereit sind, Geld für Recherchen auszugeben, desto besser.”

Stephan Weichert, Professor für Journalistik an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation und Vorstandsmitglied bei Netzwerk Recherche, ist überzeugt, dass spendenfinanzierter Journalismus einen immer wichtigeren Bereich im Qualitätsjournalismus bilden wird.

Auch der Chefredakteur von maiak will die Skepsis gegenüber dem spendenfinanzierten Journalismus abbauen: “Ich habe im Sommer Gespräche mit Auslandsredakteuren vereinbart. Zudem intensiviere ich die Kontakte zum Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung IPMZ in Zürich und verschiedenen journalistischen Ausbildungsstätten”, so Jürg Vollmer über seine Pläne. “Für eine neue Generation von Redakteuren wird Funding Journalism eine Selbstverständlichkeit sein.”

medienheft über Funding Journalism

Hier finden Sie den Sie interessanten Hintergrundbeitrag in voller Länge:

Verwandte Artikel:

  1. “Fundraiser”-Magazin berichtet mit maiak über “Funding Journalism”
  2. ProPublica: Erstmals Pulitzer-Preis für spendenfinanzierten Journalismus!
  3. Welcome to Funding Journalism: Huffington Post Investigative Fund
  4. “New York Times Magazine” publiziert erstmals Titelstory von ProPublica
  5. Message: Amerikanische Vorbilder des Funding Journalism

Jetzt sind Sie an der Reihe! Ergänzen Sie diesen Beitrag mit Ihrem Wissen oder Ihrem Kommentar