Marlen Spindler: Ein russischer Nonkonformist in der Nadja Brykina Gallery
Die Kunstsammlerin Nadja Brykina vor dem letzten Bild des russischen Nonkonformisten Marlen Spindler.
Foto: Jürg Vollmer / maiak.info
Die Nonkonformisten als Gegenentwurf zum Sozialistischen Realismus
Ohne Stalin wäre nicht nur die russische Geschichte, sondern auch die russische Kunstgeschichte anders verlaufen. Als der stählerne Diktator 1934 den Sozialistischen Realismus als Richtlinie für die “Produktion” von Bildern verordnete, wollte er Helden des Aufbaus der sowjetischen Gesellschaft sehen. Die Maler sollten die Industrialisierung des Bauernstaates und deren technische Pioniere in den Himmel loben. Kein Zufall, dass sowjetische Piloten und später Kosmonauten zu den beliebtesten Sujets zählten.
Als Gegenentwurf zu dieser staatlich konformen sowjetischen Kunst entstand 1954 der Nonkonformismus, dessen Künstler bis zur Perestroika und Glasnost 1986 ideologisch zensuriert und politisch verfolgt wurden. Die Nonkonformisten verzichteten auf gesellschaftliche Anerkennung und nahmen stattdessen viele Entbehrungen in Kauf. Oft lebten sie über Jahrzehnte im Untergrund oder eingesperrt in Gefängnissen, Straflagern und in der Psychiatrie.
Erst in den 1990er Jahren entdeckten staatliche Häuser wie die Tretjakow-Galerie in Moskau, das Russische Museum in St. Petersburg, das Moscow Museum of Modern Art oder das National Center for Contemporary Art (NCCA) die russischen Nonkonformisten. Seine erste grössere Einzelausstellung überhaupt, 1996 gleich in der renommierten Tretjakow-Galerie, war eine späte Genugtuung für Marlen Spindler. Physisch und psychisch stark angeschlagen von den langen Jahren in sowjetischen Gefängnissen und im Exil fern von seiner Familie musste Spindler im Rollstuhl durch die Tretjakow-Galerie gefahren werden.
Marlen Spindlers Lebensreise beginnt im Zauberland
Marlen Spindler wurde am 15. März 1931 im kirgisischen Städtchen Karakol geboren, keine 150 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt. Der jüdische Vater und die russisch-orthodoxe Mutter mussten aus religiösen Gründen heimlich heiraten und tauften deshalb den Sohn ihrer “Mischehe” nach den Atheisten Marx und Lenin. Mar-Len ist also kein weiblicher Vorname, wie die internationale artfacts-Datenbank peinlicherweise schreibt.
1932 zog die Familie nach Usbekistan, zuerst in die Stadt Samarkand, dann nach Taschkent und weiter nach Alma-Ata. Marlen Spindlers Kindheit in der zentralasiatischen Sowjetunion – diesem “Zauberland” mit Minaretten und Basaren in den Städten, mit wilden Pferden und Kamelen in weiten Steppen – war ihm zeitlebens eine grosse Inspiration für seine Malerei.
Von Zentralasien zog die Familie 1941 sechs Zeitzonen nach Westen, in ein kleines Holzhaus im Moskauer Vorort Kraskowo. Marlen Spindler wurde dort 1947 bis 1950 an der staatlichen Kunstschule bei den Mosfilm-Studios ausgebildet.
Von 1951 bis 1954 musste der junge Künstler in einer Kaserne im Gebiet Wladimir Militärdienst leisten. Weil Spindler allen Verboten zum Trotz bei jeder Gelegenheit malte, sass er über 200 Tage seiner dreijährigen Dienstzeit bei Brot und Wasser im Arrest. Das hielt ihn nicht davon ab, bei jeder Gelegenheit die Truppe zu verlassen und die Uspenskij-Kathedrale in Wladimir oder die heute zum UNESCO-Welterbe zählende Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kirche in Bogoljubowo zu malen.
Marlen Spindler ist die “widerspenstige Seele Russlands”
Mit seinem miserablen militärischen Führungszeugnis hatte Marlen Spindler keine Chance auf einen Studienplatz an der Kunstakademie. Ein Studium wäre aber auch ein Luxus gewesen, weil er durch seine erste Ehe mit Valentina Lapschina 1956 und seine zweite Ehe mit Lydia Tokarewa 1965 zwei kleine Familien mit je einem Kind ernähren musste.
Marlen Spindler arbeitete deshalb bis 1968 im Moskauer Kombinat für grafische Kunst “Promgrafik”, wo er sehr erfolgreich über 200 Logos für Industrieprodukte gestaltete. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass er ausgerechnet durch diese sozialistischen Warenzeichen zur künstlerischen Abstraktion gelangte. Diese konnte er aber nur ausserhalb des Kombinats pflegen, während der im doppelten Sinne freien Zeit.
Noch mehr als die für Logos essentielle Reduktion beeinflussten ihn nur die berühmten Fresken und Ikonen von Andrej Rubljow in der Uspenskij-Kathedrale in Wladimir, die er aus seiner Militärzeit kannte. Marlen Spindler sog die Schönheit dieser über 500 Jahre alten Werke in sich auf: “Ich betrachtete die altrussischen Ikonen – ich liebte sie sehr und reiste viel, sah die Originale immer wieder. All das ging mir so ins Blut über, dass ich manchmal denke, ich habe sie selbst gemalt.”
Weit weg vom plakativen Sozialistischen Realismus und dem sowjetischen Atheismus malte Marlen Spindler wilde Pferde und orthodoxe Kreuze, spielte mit Licht und Schatten zwischen Gegenständlichem und Abstraktem, mischte sich seine erdigen Töne und pudrigen Pastelle selbst aus Naturfarben.
Die “Neue Zürcher Zeitung” beschrieb Spindler deshalb als “widerspenstige Seele Russlands”. Was als Lob gemeint ist, bedeutete für Marlen Spindler das Los eines lebenslang Verfolgten und Aussenseiters: Der Staat bestrafte ihn für sein nonkonformes Verhalten, dadurch wurde sein aufbrausender Charakter noch ausgeprägter, Trunkenheit und Tätlichkeiten kamen dazu – das Resultat waren insgesamt 15 Jahre Gefängnis und Exil für Marlen Spindler.
Marlen Spindler im Gefängnis des Staates und seines Körpers
Doch selbst hinter Gittern malte Marlen Spindler wie ein Besessener. Mit teilweise abenteuerlicher Mischtechnik, je nachdem welche Farben er gerade finden konnte, brachte er düstere Szenen auf Packpapier oder zerschlissene Leintücher: Ein Häftling, der seinen Löffel abschleckt, Gefangene beim Domino-Spiel oder die brandmagere Katze in der “Zone”, einem Euphemismus für die Straflager am Ende der Welt.
Viele seiner Werke hinter Gittern wurden von den Gefängniswärtern entdeckt und verbrannt. Seine Frau konnte aber immer wieder Bilder von Marlen Spindler aus dem Gefängnis schmuggeln – unter ihren Röcken gut versteckt.
Erst 1989, mit dem Aufkommen der Perestroika, wurde Marlen Spindler begnadigt und aus der Haft entlassen. Die Jahre hinter Gittern forderten aber ihren Tribut: 1994 und 1997 erlitt er je einen Schlaganfall und konnte nicht mehr malen. Lähmungen “fesselten den athletischen Mann ans Bett wie einen besiegten Hünen”, erinnern sich die Zürcher Kunstsammler Nadja Brykina und Urs Häner. Aus dem Gefängnis des Staates kam er in das Gefängnis seines Körpers.
Da Marlen Spindler seine verbotenen Bilder nie verkaufen konnte, hatte er sein ganzes Lebenswerk zu Hause, wie Nadja Brykina und Urs Häner gleichzeitig entsetzt und fasziniert feststellten: “Die Bilder ‘hausten’ unter dem Bett, auf Tischen und selbst gemachten Regalen oder in Zwischenböden”. 1996 brannte das Elternhaus in Kraskowo ab. Zum Glück hatten sie die vielen Kunstwerke nur zwei Monate zuvor nach Moskau gebracht, um sie vor der hohen Luftfeuchtigkeit zu schützen.
Marlen Spindler in der Nadja Brykina Gallery
1996 widmete ihm die weltbekannte Tretjakow-Galerie in Moskau eine Einzelausstellung. Zum ersten Mal konnten seine Werke von einem breiten Publikum besichtigt werden. 1997 sendete dann das Russische Fernsehen einen Aufsehen erregenden Dokumentarfilm über das Leben und Werk von Marlen Spindler, der 2003 in Kraskowo starb.
Nadja Brykina und Urs Häner eröffneten mit der ersten Ausstellung des Nonkonformisten ausserhalb Russlands im März 2006 in Zürich ihre Nadja Brykina Gallery. Vier Jahre später zeigt die mittlerweile international renommierte Galerie für russische Kunst bis 21. Mai 2010 auf 750 Quadratmetern eine umfassende Retrospektive zum Werk Marlen Spindlers. Der Anlass dazu ist eine im doppelten Sinne des Wortes gewichtige Buch-Trilogie über die Lebensreise von Marlen Spindler zwischen Gefangenschaft und Freiheit.
Die Buch-Trilogie über den Nonkonformisten Marlen Spindler aus Russland in der Nadja Brykina Gallery in Zürich.
Foto: Jürg Vollmer / maiak.info
Buch-Trilogie über Marlen Spindler
Marlen Spindler. Band I — Reise über das alte Land.
Hrsg. und Beiträge: Nadja Brykina. 2009: Nadja Brykina Editions
ISBN 978-3-9523523-1-1 Deutsch/Französisch
ISBN 978-3-9523523-0-4 Russisch/Englisch
Marlen Spindler. Band II — Hinter Gittern.
Hrsg. und Beiträge: Nadja Brykina. 2009: Nadja Brykina Editions
ISBN 978-3-9523523-3-5 Deutsch/Französisch
ISBN 978-3-9523523-0-4 Russisch/Englisch
Marlen Spindler. Band III — Malerei in Freiheit.
Hrsg. und Beiträge: Nadja Brykina. 2009: Nadja Brykina Editions
ISBN 978-3-9523523-5-9 Deutsch/Französisch
ISBN 978-3-9523523-4-2 Russisch/Englisch
Diesen Hintergrundbericht von maiak.info über den Nonkonformisten Marlen Spindler in der Nadja Brykina Gallery publizierte die Zeitschrift Russkaja Schweizarija in unserer russischen Übersetzung.
Foto: Jürg Vollmer / maiak.info
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