Die Rolle der Orthodoxie in Politik und Gesellschaft von Osteuropa

Kirche und Staat liegen in Osteuropa traditionell nahe zusammen, sie bilden eine “Symphonia”. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion muss die Orthodoxie aber ein neues Verhältnis zur heutigen Gesellschaft entwickeln. Wo liegen die Wurzeln der “Symphonia”, wie definiert die orthodoxe Kirche ihr Verhältnis zur Gesellschaft und wie reagiert sie auf moderne Herausforderungen?
Symphonia - das Verhältnis zwischen orthodoxer Kirche und Staat

Die Orthodoxie in Osteuropa pflegt die “Symphonia”, einen “Zusammenklang” von Staat und Kirche.

Foto: Jürg Vollmer / maiak.info

Von Julia Lis / maiak.info

Ungewohnte Beziehung zwischen Orthodoxie und Politik

Die westliche Wahrnehmung der Beziehungen zwischen Orthodoxie und Politik wird von Bildern und Tönen geprägt, die uns fremd erscheinen: Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin zündet beim orthodoxen Gottesdienst Kerzen an und fordert: “Jede russische Kirchengemeinde im Ausland muss zur Repräsentanz der Russischen Föderation werden”.

Der georgische Präsident Micheil Saakaschwili erbittet den Segen des Patriarchen-Katholikos und der weissrussische Präsident Alexander Lukaschenko beschreibt die Orthodoxie als “wichtigste Ideologie des Landes”.

Wo liegen die Wurzeln der Staatsnähe der orthodoxen Kirchen?

Anklagend verweisen Beobachter in den westlichen Ländern auf die zu grosse Staatsnähe der orthodoxen Kirchen. Sie glauben, das orthodoxe Staatsverständnis führe zwangsläufig zu mangelnder Kritikbereitschaft gegenüber autoritären Regimes. Darum habe sich die orthodoxe Kirche während der Zeit der Sowjetunion wenig an oppositionellen Aktivitäten beteiligt.

Welche Wurzeln aber hat aber das orthodoxe Verhältnis zwischen Staat und Kirche? Wie wirkt es sich auf Gesellschaft und Politik in Osteuropa aus? Welchen Einfluss haben die Kirchen in den Gesellschaften Osteuropas, jenseits von öffentlichen politischen Inszenierungen?

“Symphonia” von Kirche und Staat

Wenn vom Verhältnis der orthodoxen Kirche zum Staat die Rede ist, ziehen vor unserem inneren Auge auch Bilder von Byzanz vorüber: das prächtige Hofritual, die Kirche als Teil der Inszenierung des byzantinischen Kaisers und Christus, der auf den Darstellungen kaisergleich als Weltenherrscher thront. Auf den ersten Blick sind beide Bereiche zu stark miteinander vermengt, die Kirche greift in staatliche Kompetenzen ein und vice versa.

Die Realität sieht anders aus: die so genannte “Symphonia”-Lehre prägt das Verhältnis von Staat und Kirche. “Symphonia” (russisch: Симфония) meint ein harmonisches Zusammenwirken, einen “Zusammenklang” von Kirche und Staat. Die “Symphonia” betont aber auch die Eigenständigkeit und Ebenbürtigkeit beider.

Kirche und Staat teilen sich die Herrschaft über die Gesellschaft, beide haben ihren eigenen Bereich. Aber der säkulare und der kirchliche Raum sind eng miteinander verknüpft und greifen an vielen Stellen ineinander. Das Ideal der “Symphonia” ist ein orthodoxer Staat, sie lässt sich aber auch mit einer demokratischen Staatsform vereinbaren.

Die Kirche zwischen neu gewonnener Bedeutung und Instrumentalisierung

In den ehemals kommunistischen Staaten Osteuropas ringen die Kirchen seit 1989 darum, ihre Rolle innerhalb einer pluralen Gesellschaft neu zu definieren. Dabei hat die Kirche auch eine identitätsstiftende Funktion, da religiöse und nationale Identität in Osteuropa bis heute miteinander verknüpft sind. So erklärt sich das Phänomen, dass 80 Prozent der Bulgaren und 73 Prozent der Russen sich als orthodox bezeichnen – viele üben aber ihren Glauben nicht aktiv aus.

Das enge Verhältnis von religiöser und nationaler Identität zeigt sich auch in den entsprechenden gesetzlichen Regelungen. So verleiht das Religionsgesetz der Orthodoxie in Russland “als traditionelle Religion des Landes” einen besonderen Status. Das bedeutet jedoch noch keinen konkreten machtpolitischen Einfluss. Orthodoxe Bischöfe arbeiten in Russland in politischen Gremien als Berater mit. Man weiss aber nicht, ob sie dadurch konkrete politische Entscheidungen beeinflussen können.

Umgekehrt bringt die neue gesellschaftliche Situation der Kirchen nach 1989 die Gefahr der Instrumentalisierung durch den Staat mit sich. Der Staatseinfluss ist in jenen Ländern besonders bedeutsam, wo mehrere Kirchen die Orthodoxie vertreten und auf politische Unterstützung angewiesen sind, um diesen Anspruch durchsetzen zu können.

In der Ukraine ringen drei orthodoxe Kirchen darum, welche von ihnen in diesem jungen Staat rechtmässig die Orthodoxie repräsentiert. In Bulgarien sind durch den Streit um die Rolle der Kirche in kommunistischer Zeit zwei neue orthodoxe Kirchen entstanden. In beiden Staaten nehmen Politiker Einfluss und unterstützten mal die eine, mal die andere Seite. In der Ukraine wie in Bulgarien streiten sich die Kirchen zudem um kirchliche Vermögen und Liegenschaften.

Gesellschaftliche Diskussionen um die Rolle der Kirche

Die Kirchenspaltung in Bulgarien verweist auf ein wichtiges Thema, das in den meisten osteuropäischen Ländern noch nicht geklärt ist: das Ringen der Kirchen um die Bewertung der eigenen Rolle in kommunistischer Zeit.

Das ist – wie viele andere der hier genannten Punkte – keine genuin orthodoxe Frage, sondern auch in katholisch geprägten Ländern Osteuropas wie Polen ein Problem. Man redet über das Leiden und die Opfer der Kirche – und schweigt über eigenes Versagen und Verstrickungen in das kommunistische Regime.

Eine weitere zentrale Frage in den orthodoxen Ländern ist der Religionsunterricht in den Schulen. Soll der Religionsunterricht ein Pflichtfach werden und wenn ja, in welcher Form? Eher als Religionskunde, die Wissen über Religionen an alle Kinder vermittelt, oder als orthodoxe Glaubenskunde, die der moralischen Unterweisung im Sinne der orthodoxen Lehre Platz einräumt?

Neue Sozialdoktrin der russischen orthodoxen Kirche

Im Jahr 2000 hat die Leitung der russischen orthodoxen Kirche ihre “Grundlagen der Sozialdoktrin” veröffentlicht, eine umfangreiche Schrift, in der sie ihre Rolle in der Gesellschaft definiert. Es ist ein Konsenspapier, das die Spannung zwischen konservativen, traditionalistischen und offeneren, liberalen Kräften in der Kirche veranschaulicht.

Die Sozialdoktrin fordert eine breit angelegte Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat auf kulturellem, wirtschaftlichem, sozialem und erzieherischem Gebiet. Ein direktes parteipolitisches Engagement der Kirche wird aber vehement ausgeschlossen. Als ihre zentrale Aufgabe sieht die russische orthodoxe Kirche die moralisch-geistige Erneuerung der Gesellschaft in Russland.

Orthodoxe Kirchen und Europäische Union

Die Haltung vieler orthodoxer Kirchenvertreter gegenüber der Europäischen Union ist ambivalent: einerseits anerkennen sie die Rolle der EU bei der Einigung Europas und der politischen und wirtschaftlichen Modernisierung, andererseits misstrauen sie unverhohlen den säkularen und liberalen Werten der EU. Die orthodoxen Kirchenvertreter werfen der Europäischen Union häufig vor, dass sie sich alleine an westlichen Werten orientiere und die Besonderheiten der orthodoxen Kultur nicht berücksichtige.

Dagegen versucht die Orthodoxie, die christlichen Wurzeln Europas zu betonen. Dazu setzt die russische orthodoxe Kirche auf eine strategische Allianz mit den Katholiken, wie eine 2006 gemeinsam organisierte Konferenz unter dem Titel “Europa eine Seele geben” zeigt. Solche Initiativen und die vielen orthodoxen Vertretungen in Brüssel zeigen, dass die Orthodoxie an einem Dialog mit der EU interessiert ist.

Die Orthodoxie in der Diaspora

Die Orthodoxie beschränkt sich nicht auf Osteuropa, auch ausserhalb der traditionell orthodoxen Länder ist sie aktiv. In der Diaspora werden die Nationalkirchen aber weiterhin aufrecht erhalten, so etwa die griechische und die russische orthodoxe Kirche in Westeuropa und den USA.

Das Beispiel der Diasporakirchen zeigt deutlich, dass orthodoxes Kirchenverständnis mit Demokratie und Pluralismus vereinbar ist. Gerade in der Frage der Menschenrechte hat sich die Orthodoxe Kirche Amerikas hervorgetan. Sie setzt sich seit den 1960er Jahren gegen die Rassendiskriminierung und für die Opfer sozialer Ungleichheit ein.

Zukunftsperspektiven der Orthodoxie

Die weitere Entwicklung der Rolle der orthodoxen Kirchen in Osteuropa ist schwer vorauszusehen. Sie hängt davon ab, wie die Kirchen auf die Herausforderungen einer pluralen Gesellschaft reagieren. Nötig ist auf jeden Fall eine Auseinandersetzung mit der Moderne und ein Dialog mit anderen Weltanschauungen. Gleichzeitig muss die Orthodoxie versuchen, im Spannungsverhältnis von Tradition und Erneuerung immer wieder neu ihre Position zu definieren.

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