Besuch im russischen Künstlerdorf Palech

Aus dem russischen Dorf Palech kommen die schönsten Lackminiaturmalereien. In monatelanger Arbeit malen die Künstler mit Eitemperatechnik auf Papiermaché wunderbare Miniaturen. Ein Schweizer Sammler besucht seit zwei Jahrzehnten immer wieder Palech, wo jeder zehnte der 5500 Einwohner ein akademisch ausgebildeter Kunstmaler ist.
Kreuzerhöhungskirche in Palech

Die Kreuzerhöhungskirche in Palech.

Foto: Wikipedia

Von Felix Waechter / maiak.info

Die Palecher Lackminiaturmalerei im Einfluss der Natur

Spätherbst – unterwegs von Moskau nach Palech. Das Wetter ist kalt, es liegt bereits Schnee auf der Fahrt in östlicher Richtung über Wladimir und Iwanowo zu meinem gut 350 Kilometer entfernten Reiseziel. Mit zunehmender Entfernung von Moskau führt die Strasse durch immer grössere Birkenwälder. Auf den Stämmen der Birken kontrastiert das typische Weiss hart mit den bruchkantigen Flecken in Braunschwarz oder Schwarz. Wald und Himmel erscheinen in einer Mannigfaltigkeit von Ocker- und Kupfertönen, vermischt mit verwaschenem Graugrün, hellem Blau und Violett.

Die Sonne steht tief zu dieser Jahreszeit, ihre Strahlen durchdringen die lockere Gliederung der Bäume. Seit Tagen haben sie die Schneedecke an den Waldrändern aufgetaut und diese grossartige Palette zum Vorschein gebracht, eine begeisternde Farbigkeit im immensen Weiss des russischen Winters. Sensible Seelen mögen durchaus dem russischen Nikolaus Väterchen Frost und seinem Schneemädchen begegnen.

Von solchen Eindrücken und Gedanken haben sich die Palecher Künstler immer wieder anregen lassen: Zweifellos ist die tief empfundene Kunst der Lackminiaturmalerei dieses Dorfes in ihrer ganzen Leidenschaft ohne den Einfluss der wunderschönen Landschaft und Natur, in der sie entstand, kaum denkbar.

Vergangenes mit der Gegenwart verbinden

Kommt man aus Moskau, ist die nach dem Dichter Maxim Gorki benannte Staatliche Kunstschule der erste auffällige Bau in Palech. Eines der wenigen Gebäude im Dorf, über deren Funktion eine von der Strasse her gut lesbare Fassadenbeschriftung informiert. Die hier erst in der Sowjetzeit aufgekommene Lackminiaturmalerei bedeutete Maxim Gorki sehr viel. Er schrieb dazu in den 1930er Jahren: “Wer hätte gedacht, dass die Ikonenmalerei – diese konservativste aller Künste – es den Palecher Künstlern ermöglichen würde, in der heutigen Zeit eine Meisterschaft zu erreichen, die unsere Bewunderung verdient… Palech, seine Geschichte ist ein überzeugendes Beispiel dafür, wie es der Revolution gelang, Vergangenes mit der Gegenwart zu verbinden. Palech wird immer Symbol für ein poetisches Bild der Menschen sein.”

Die 1935 gegründete Kunstschule bildete bis heute über 1000 Studenten zu Künstlern der so genannten Palecher Schule aus, sie ist deshalb der Stolz der Dorfbewohner. Noch ein weiteres Haus ist gross angeschrieben – das “Café Manhattan” unten am Flüsschen Paleschka. Der in dieser Umgebung exotisch anmutende Name des Cafés leuchtet nachts in kyrillischen Neonbuchstaben durch die von Nebel erfülle Stille der russischen Siedlung und versucht den Menschen zumindest visuell ein bisschen das Gefühl der “Grossen Welt” zu vermitteln.

Kreuzerhöhungskirche als Museum altrussischer Kunst

Über dem Dorf (im doppelten Sinne) steht die Kreuzerhöhungskirche. Fährt man auf dem Dorfplatz vor, ist man von der Grösse dieser rund 250 Jahre alten Kirche und ihres Hauptturms beeindruckt. Heute wieder ihrem eigentlichen Zweck zugeführt, wurde das Gotteshaus während der Sowjetzeit als Museum genutzt.

Zur Geschichte der Kirche gehört, dass im 18. und 19. Jahrhundert Palecher Künstler als Ikonen- und Freskenmaler für Kirchen und Klöster in ganz Russland arbeiteten. Bei ihrer Rückkehr brachten sie oft alte Ikonen mit, die in die Kirche gebracht wurden und dann den ortsansässigen Ikonenmalern als stilistisches Anschauungsmaterial dienten. Nach einem Besuch dieser Malersiedlung im Jahr 1900 berichtete der berühmte Kunsthistoriker Nikodim Kondakow, Mitglied der Russischen Akademie der Künste und der Russischen Akademie der Wissenschaften davon, wie sehr ihn die Kreuzerhöhungskirche als ein bedeutendes Museum altrussischer Kunst beeindruckt habe.

Geduld als Lebensprinzip und Voraussetzung für Lackmalereien

Am Dorfplatz befindet sich die Miliz, in ihrem Gebäude muss sich anmelden, wer als Ausländer länger als zwei Tage Station macht. Das Prozedere ist nicht immer gleich, aber immer zeitaufwendig. Warten in einem schmalen Korridor mit Einheimischen, die etwas brauchen. Ständig gehen in beiden Richtungen Milizionäre und andere Mitarbeiter mit irgendwelchen Dossiers am Wartenden vorüber.

An der Toilettentüre hängt seit Ewigkeiten ein Schild “Geschlossen, wird zur Zeit repariert”. Vielleicht ist sie eines Tages ja tatsächlich wieder zugänglich. Und dennoch: Die hier für einen Westeuropäer geradezu provokativ langsam ablaufenden Amtshandlungen haben auch ihre positiven Aspekte. Man kommt ins Gespräch mit Menschen, denen man sonst nicht begegnet wäre, und man begreift, dass wir unserer effizienten Lebensweise die Beschaulichkeit und Musse opfern.

Die Herstellung und Bemalung einer Lackminiatur oder einer Ikone dauert Wochen oder gar Monate. Uns fehlen natürlich zunächst die künstlerischen Fähigkeiten, solche Arbeiten herzustellen. Aber nicht nur das, uns Westeuropäern ist auch die zur Erschaffung von Dingen mit einem zeitlosen inneren Wert notwendige Bedächtigkeit, Bescheidenheit und Kontemplation abhanden gekommen.

Palech: 5500 Einwohner, fünf Museen…

Den interessierten Besucher erwarten fünf staatlich geführte Museen. An der Bakanowstrasse beim Dorfplatz befindet sich heute das 1935 eröffnete Hauptmuseum. Iwan Bakanow war einer der Miniaturmaler der ersten Generation, nach denen hier einige Strassen benannt wurden. Das Museum beherbergt hochkarätige Sammlungen sowohl von Ikonen als auch von Lackminiaturen, die sich bestens eignen, die Entwicklung des Palecher Stils zu verfolgen und dessen Geschichte von den Anfängen bis heute zu studieren.

Schräg gegenüber an der Leninstrasse steht das 1961 eröffnete Hausmuseum von Iwan Golikow, in dem vor allem Erinnerungsdokumente und Auszeichnungen des wohl berühmtesten einheimischen Miniaturmalers ausgestellt sind. Zusammen mit seinem Schwiegervater Alexander Glasunow unternahm der ausgebildete Ikonenmaler Anfang der 1920er Jahre die ersten Versuche, Gegenstände aus Papiermaché in Eitemperatechnik zu bemalen und zu lackieren. Zwei Jahre später gehörte der überaus kreative Künstler zu den Mitbegründern der Palecher “Genossenschaft für Alte Malerei”.

Drei weitere Hausmuseen, in den 1970er und 1980er Jahren eröffnet, sind dem Schaffen der bekannten einheimischen Maler Aristarch Dydykin, Nikolai Sinowiew und Pawel Korin gewidmet.

… und ein Hotel mit 7 Zimmern

Hinter dem Hauptmuseum wurde vor einigen Jahren das erste Hotel Im Dorf eröffnet, das “Hotel Kowtscheg”, dessen Name im religiösen Kontext “Die Arche” bedeutet. Touristen-Busse, die im Iwanowo-Gebiet unterwegs sind, werden allerdings nie vor der Arche anhalten, das Hotel ist mit seinen sieben behaglich eingerichteten Doppelzimmern schlicht zu klein.

Die “Perle Russlands” hat ihren Glanz verloren

Zur Zeit der Sowjetunion hatte der Palecher Kunstbetrieb ganz nach den Vorgaben der staatlichen Organe stattzufinden. Die Künstler arbeiteten für die staatliche Kooperative. Diese versorgte sie mit allen Materialien und bezahlte sie für ihre Arbeiten, die dann meistens im Ausland verkauft wurden. Kaum zu glauben, dass der Export der in dieser kleinen Siedlung hergestellten Lackminiaturen während Jahrzehnten eine nicht zu vernachlässigende Devisenquelle für die riesige Sowjetunion bedeutete.

Mit deren Ende kam Anfang der 1990er Jahre auch das Ende der staatlichen Kooperative. Die Maler wurden über Nacht zu mündigen, freischaffenden Künstlern. Allerdings bekamen sie in ihrem abgelegenen Dorf schon nach einer kurzen euphorischen Periode die nicht eben zimperlichen Spielregeln des kapitalistischen Kunstmarktes zu spüren. Steigende Lebenskosten, steigende Bedürfnisse, Zwischenhandel, Fälschungen aller Art sind dazu die Stichworte.

Heute leben in Palech rund 5500 Menschen, von denen 600 akademisch ausgebildete Maler sind. Die zum Verwaltungsgebiet Iwanowo gehörende Ansiedlung ist stark überaltert. Wie in anderen abgelegenen Gebieten Russlands gibt es keine nennenswerte Industrie, keine ausgebaute Infrastruktur, und wenig Bautätigkeit. Das Iwanowo-Gebiet nimmt sogar im gesamtrussischen Vergleich hinsichtlich des Lebensstandards einen der hinteren Plätze ein. Als Folge davon wandern die Jungen in grosser Zahl ab.

Welch ein Unterschied zur Zeit der Sowjetunion, als zwar verschiedene Ideologen und Funktionäre der Nomenklatura die Lackmalei kritisierten und verspotteten, andere aber, die sich als Apologeten dieser Kunst sahen, das Dorf mit Namen wie “Perle Russlands”, “Die Dorfakademie” oder “Heimat des Feuervogels” (nach dem Echtheits-Symbol der Lackmaler aus Palech) aus der Masse der russischen Dörfer hervorhoben.

Die Künstler organisieren sich in Genossenschaften

Heute malen die Künstler ihre Lackminiaturen in der Regel zu Hause. Nur einzelne Spitzenkünstler beliefern ihre persönliche Klientel, die meisten verkaufen die fertigen Kunstwerke an eine Organisation oder Firma, bei der sie unter Vertrag stehen. Diese bekunden jedoch in den letzten Jahren zunehmend Mühe, alle Kunstwerke zu verkaufen, und sind deshalb nicht mehr an jungen Künstlern interessiert.

Eine der grösserern Organisationen ist die “Genossenschaft Palech” (Towarischestwo Palech), die sich als Nachfolgerin der “Genossenschaft für Alte Malerei” versteht. Ihr gehört eine Werkstatt, in der die Rohlinge aus Papiermaché hergestellt und im Anschluss an die Bemalung mit Eitemperafarben durch den Künstler lackiert und poliert werden. Jede eingereichte Arbeit wird von einem Gremium begutachtet, das den Preis bestimmt, zu dem die Genossenschaft sie übernimmt und weiter verkauft. Mit einem Warenzeichen werden Echtheit und Einmaligkeit garantiert; es bedeutet: die Signatur des Künstlers ist echt, das Dargestellte ist keine Kopie, es werden keine Serien gemalt und als Unikate verkauft.

Einen anderen Weg gehen die Künstler der “Malergemeinschaft Lik” (Antlitz). Sie haben sich wieder der hier zur Zarenzeit gepflegten Sakralmalerei zugewandt und malen Ikonen und Fresken. Alle 18 Künstler der von Oleg Schurkus geleiteten Malergemeinschaft haben ihre Ausbildung an der Kunstschule in Palech absolviert. Im Auftrag von Kirchen und Klöstern in ganz Russland hat die Gruppe in den letzten zehn Jahren eine ganze Reihe von Kirchen mit Fresken ausgestattet und für über zwanzig Kirchen Bilderwände (Ikonostasen) gemalt. Eine Kirche auszumalen ist sehr anstrengend, scheint aber in der heutigen Zeit im Vergleich zur Lackminiaturmalerei die sicherere Existenzgrundlage zu bieten.

Der Künstler Dmitrij Bachirev nimmt den Gast in seinem Haus auf

Der erste Künstler, dem ich vor Jahren im Dorf begegnete, ist der heute 30jährige Dmitri Bachirew. Er führte mich in die Dorfgemeinschaft ein und noch heute bin ich bei meinen Besuchen in Palech immer bei ihm zu Gast. Er überlässt mir sein Zimmer, ich schlafe in seinem Bett, das neben seinem Arbeitstisch steht.

Sein Urgrossvater, Sergei Pawlowitsch Bachirew (1898-1973), war ein sehr bekannter Miniaturmaler. Wenn wir am Abend zusammen die alten Entwürfe seines Urgrossvaters anschauen – Szenen aus russischen Heldenepen etwa, oder Episoden aus der russischen Geschichte bis hin zum Bürgerkrieg – dann ist Palech zu spüren, sehr nah zu spüren. Dmitri ist gehörlos, und mit ihm zu diskutieren bedeutet, alles was an Papier in der Küche gerade zu Verfügung steht vollzuschreiben. Das dauert, ist aber eindrücklich und man kann den Dingen auf den Grund gehen.

Spätherbst in Palech. Nach ein paar Tagen liegt kaum noch Schnee, es ist wärmer, ein Regentag. Die nicht asphaltierte Strassen, und das sind hier die meisten, versinken im Schlamm. Wir waren mit Freunden im Dorf und nähern uns, den grössten Pfützen nach Möglichkeit ausweichend, Dmitris Haus. An den Stiefeln klebt der Dreck zentimeterdick. Kaum jemand würde in dieser Situation vermuten, dass in diesen Häusern Lackminiaturmalerei auf höchstem Niveau betrieben wird. Aber der Schein trügt.

Was ist Palech? Was ist das Faszinierende an der Kunst dieses weit abgelegenen, kleinen Dorfes? Der spanische Dichter Federico Garcia Lorca hat einmal geschrieben: Nur ein Mysterium zwingt uns zu leben – nur ein Mysterium. Palech mit seiner Kunst ist ein solches Mysterium. Man wird es nicht enthüllen können, aber es ist schön, dieses Mysterium zu spüren.

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