“Stalingrad-Volgograd. Mémoire” – Fotoausstellung von Maurice Schobinger
Ein Schweizer Soldat betrachtet die Fotoausstellung “Stalingrad-Volgograd. Mémoire” von Maurice Schobinger.
(Foto: Jürg Vollmer / maiak.info)
“Stalingrad-Volgograd. Mémoire” – die Ausstellung
Der Fotograf Maurice Schobinger bietet in “Stalingrad Volgograd Mémoire” Einblicke in die verwundete Seele von Wolgograd in Süd-Russland. Mit seinen Fotografien verbindet Schobinger die Vergangenheit von Stalingrad mit dem Leben in der wieder aufgebauten Stadt, die seit 1961 Wolgograd heisst.
Die Schlacht von Stalingrad gilt als symbolischer Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges. Nach der Einkesselung von 230′000 Soldaten der Wehrmacht im November 1942 durch die Rote Armee ergaben sich die letzten deutschen Einheiten im Februar 1943. Im vollständig zerstörten Stalingrad blieben 169′000 gefallene deutsche Soldaten und eine Million getötete russische Zivilisten und Soldaten auf dem Schlachtfeld zurück.
Die Fotografien des Schweizers Maurice Schobinger werden begleitet vom bisher unveröffentlichten Tagebuch der jungen russischen Lehrerin Serafima Woronina aus dem belagerten Stalingrad von 1942. Ihre Tagebucheinträge machen die Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner auf einmalige und ergreifende Weise lebendig.
Die Fotoausstellung, die unter der Schirmherrschaft des Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondmuseums in Genf sowie der Botschaft der Russischen Föderation in Bern steht, wurde bereits von mehr als 50′000 Zuschauern in Moskau, Wolgograd, Lausanne und Genf besucht.
Im Hauptbahnhof Zürich wird “Stalingrad-Volgograd. Mémoire” mit 50 Fotografien von Maurice Schobinger und den Tagebuch-Ausschnitten von Serafima Woronina in einem speziell konzipierten Stahl-Kubus präsentiert. Organisiert wurde die Ausstellung mit freundlicher Unterstützung von ZMB (Schweiz) AG und Sottas SA.
“Stalingrad-Volgograd. Mémoire” – die Fotos von Maurice Schobinger
Seit Jahren plante Maurice Schobinger ein Fotoprojekt zum Gedenken an den Zweiten Weltkrieg in Russland. Seine Grossmutter wurde als Kind von Auslandschweizern in Moskau geboren, nach der Oktoberrevolution 1917 musste die Familie in die Schweiz zurückkehren.
Ihre Verbundenheit mit der russischen Sprache und Kultur blieben jedoch erhalten: “Ich bin mit der dramatischen Geschichte der Bevölkerung Stalingrads aufgewachsen. Die Ereignisse um die Befreiung der eingeschlossenen Stadt haben für mich eine besondere Bedeutung erlangt”, erklärt Maurice Schobinger.
Der Fotograf Maurice Schobinger in seiner Ausstellung “Stalingrad-Volgograd. Mémoire”.
(Foto: Jürg Vollmer / maiak.info)
Die in “Stalingrad-Volgograd. Mémoire” gezeigten Fotografien entstanden während fünf Reisen nach Wolgograd zwischen 2008 und Anfang 2010. Die in sich ruhenden Fotografien von Maurice Schobinger wirken zeitlos in ihrer Aussage, dass sich in Russland über Generationen hinweg ein kollektives Gedächtnis an die Schlacht von Stalingrad gebildet hat.
Interessant ist deshalb die unterschiedliche Rezeption von “Stalingrad-Volgograd. Mémoire” durch Russen und Schweizer: Während Schweizer Ausstellungsbesucher die Fotografien mit Respekt aber doch eher mit Distanz betrachten, lösen die Bilder bei Russen starke Emotionen aus. So konnte sich eine junge russische Studentin im Hauptbahnhof Zürich kaum von den Fotografien lösen und musste sich, den Tränen nahe, auf eine nahe Ruhebank setzen.
Fotoausstellung “Stalingrad-Volgograd. Mémoire” von Maurice Schobinger mitten im Hauptbahnhof Zürich.
(Foto: Jürg Vollmer / maiak.info)
“Stalingrad-Volgograd. Mémoire” – das Tagebuch von Serafima Woronina
Der Zufall wollte es, dass Maurice Schobinger während seiner Reisen nach Russland das wiedergefundene Tagebuch einer jungen Lehrerin aus der Schlacht von Stalingrad entdeckte. Serafima Woronina dokumentierte während dreier Herbstmonate 1942 den Horror des Kriegsalltags und bat in ihrem Tagebuch nachfolgende Generationen inständig, dieses Leid nie zu vergessen.
Serafima Woronina wohnte neben der riesigen Stahlfabrik “Roter Oktober”, die sich über fünf Kilometer am Ufer der Wolga entlang erstreckte. Während des Krieges belieferte die Stahlfabrik die Rote Armee mit Waffen und wurde darum von der Wehrmacht total zerstört.
Die junge Lehrerin Serafima Woronina musste für ihr Überleben im Stahlwerk arbeiten und beschrieb in ihrem Tagebuch das Sterben, die Grausamkeit der Bombardierungen, den Hunger und die ständige Angst. Unermüdlich dokumentierte sie auch kleine Vorkommnisse, von denen das Überleben oder oft das Sterben abhingen. Ende Oktober 1942 verstummte sie abrupt, Serafima Woronina wurde wie viele andere bei den Bombardierungen von Stalingrad getötet.
Ein russischer Soldat fand das Tagebuch von Serafima Woronina in den Trümmern und hütete es sorgsam wie einen Schatz. Erst aus Anlass der Erinnerungsfeiern dreissig Jahre nach dem Ende der Schlacht von Stalingrad liess er im Februar 1973 in der Zeitschrift “Wolgogradskaja Prawda” unter dem Titel “Tagebuch einer Einwohnerin von Stalingrad” einige Tagebuch-Ausschnitte publizieren.
Als sich Verwandte von Serafima Woronina beim alten Soldaten melden, schenkt er ihnen das Tagebuch – und eine Freundin öffnet es noch einmal drei Jahrzehnte später dem Fotografen Maurice Schobinger.
Quellen u.a.:
- Interview mit Maurice Schobinger, 9. August 2010
- Association Stalingrad Volgograd Mémoire (Dolg pamyati)
- Swissinfo.ch: “Maurice Schobinger, de Stalingrad à Volgograd”
- ETH Zürich, Science City: “Ausstellung “Stalingrad Wolgograd”"
- Le Temps: “Un hommage suisse à Stalingrad”
- div. Medien
“Stalingrad-Volgograd. Mémoire” – das Buch
“Stalingrad-Volgograd. Mémoire”
Maurice Schobinger (Fotografien) und Serafima Woronina (Tagebucheinträge)
Deutsch oder Französisch, 29×23 cm, 116 Seiten Fotografien
Editions Noir sur Blanc, Lausanne
CHF 49.00
HONORARFREIER ABDRUCK
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