“Valery Yurlov. Das Tagebuch des Künstlers” in der Nadja Brykina Gallery
Valery Yurlov, der russische Nonkonformist entdeckte das Formenpaar und die Dreifaltigkeit.
(Foto: Jürg Vollmer / maiak.info)
Valery Yurlov auf der Suche nach Rubljows Dreifaltigkeitsikone
Mit bestimmten Schritten geht Valery Yurlov im Sommer 2010 von der Metrostation Ploschtschad Iljitscha auf das Andronikow-Kloster zu. Dessen dicken Klostermauern schlucken allen Lärm und Hektik von Moskau. Hier in malerischer Umgebung auf einer Anhöhe im Osten der Metropole “erfahre ich wirkliche Ruhe, die lästigen Probleme des Alltags bleiben ausserhalb der Klostermauern”, erklärt der 78jährige Künstler, der viel jünger wirkt.
Valery Yurlov findet hier auch die Ikonen des bedeutendsten russischen Ikonenmalers Andrei Rubljow, der im 15. Jahrhundert im Andronikow-Kloster als Mönch lebte, arbeitete und nach seinem Tod 1430 begraben wurde. Rubljows “Dreifaltigkeitsikone” gilt als ein Höhepunkt der russischen Malerei und beeinflusste Generationen von russischen Künstlern. Auch Valery Yurlov suchte in den frühen 1950er Jahren bei Rubljow nach “seiner” Farb- und Formensprache.
Dicke Mauern statt künstlerische Freiheit für Valery Yurlov
Valery Yurlov wurde 1932 im zentralasiatischen Alma-Ata geboren und zog 1948 als Kunststudent nach Moskau, wo er schon während seines Studiums bis 1953 die Symbolik und die bestimmenden Farben der russischen Ikonen als sein Lebensthema wählte. “Die Farben der russischen Ikonen – Blau, Rot, Gold (respektive Gelb) – stehen der gegenstandslosen Kunst sehr nahe!”
Nur wenige Professoren am Polygraphischen Institut in Moskau unterstützten ihn dabei, denn “meine abstrakte Kunst galt in der Sowjetunion als Verbrechen”. Stalin verlangte, dass die Kunst “für das Volk verständlich” sein muss und liess neben dem Sozialistischen Realismus keine andere Kunst zu. Ein Treppenwitz der Geschichte: Das Andronikow-Kloster war zur Stalin-Zeit eine Strafkolonie, in die auch Nonkonformisten gesteckt wurden, die ihre künstlerische Freiheit leben wollten.
Valery Yurlov entdeckt das Formenpaar und die Dreifaltigkeit
Valery Yurlov war dieser Preis zu hoch. Nach dem Studium arbeitete er für verschiedene sowjetische Buchverlage als Illustrator – sein eigentliches Werk entstand aber in einem schlichten Holzhäuschen im Vorort Nowogirejewo im östlichen Moskauer Verwaltungsbezirk. Rund 15 Kilometer ausserhalb des Stadzentrums von Moskau entwickelt er seine eigene “Sprache”, seine Theorie vom Formenpaar und der Dreieinigkeit oder Dreifaltigkeit: “Im Formenpaar werden die Unterschiede betont, in der Dreifaltigkeit hingegen die Harmonie.”
Völlig abgeschieden von der sowjetischen Realität ging Valery Yurlov “auf dem Weg von Kasimir Malewitsch und Wassily Kandinsky“, erklärt der angesehene Kunsthistoriker Dmitri Sarabjanow in Moskau, “und er brachte damit die russische Kunst ein grosses Stück weiter”. In dieser Zeit entwickelte er sein auf das Maximum reduzierte Hauptwerk, das bis heute seine Arbeit bestimmt: Zwei Tropfen, deren Spitzen sich berühren, und eine schmale Raute.
Die Werke von Valery Yurlov: Vom Keller direkt in die Tretjakow-Galerie
In den 1980er Jahren wurde Yurlov das Thema Kommunikation immer wichtiger und er widmete ihm zahlreiche Arbeiten und Installationen. Seit vierzig Jahren arbeitete er nun schon unbeachtet im Hinterzimmer, denn als Nonkonformist hätte Valery Yurlov seine Bilder nie malen dürfen, geschweige denn verkaufen. Er stapelte seine Bilder im Keller, während sogar enge Freunde den “Spinner” belächelten.
Als die Sowjetunion implodierte, konnte Valery Yurlov mit 60 Jahren sein Lebenswerk endlich zeigen – und dann gleich als Einzelausstellung in der international renommierten Tretjakow-Galerie. Ungläubig bestaunte er selbst 1992 seine Werke in der neu gebauten Abteilung für Moderne Kunst der Tretjakow-Galerie an der Moskwa, direkt gegenüber dem Haupteingang des Gorki-Parks.
Doch 1994 zog es ihn dahin, wo er die absolute künstlerische Freiheit vermutete, nach New York. Das Heimweh nach Russland war stärker und unbeschränkte Freiheit ist letzten Endes nur ein anderes Wort dafür, dass man nichts mehr zu verlieren hat. 2002 kehrte Valery Yurlov nach Moskau zurück.
Valery Yurlov mit den Galeristinnen Nadja Brykina und Anna Brouver in der Nadja Brykina Gallery.
(Foto: Jürg Vollmer / maiak.info)
“Valery Yurlov. Tagebuch des Künstlers” in der Nadja Brykina Gallery
Dort hat er in den vergangenen Monaten zusammen mit der schweizerisch-russischen Galeristin und Kunsthistorikerin Nadja Brykina sein Lebenswerk gesichtet, ausgewählt und restauriert, um es in einer Art “Tagebuch des Künstlers” zusammenzustellen. “Einige spannende Bilder aus den 1950er Jahren habe ich selbst vergessen und war völlig überrascht, dass ich sie einmal gemalt hatte”, lacht Valery Yurlov. Zudem ist ihre Wirkung im Transformationsstaat Russland 2010 ganz anders als ein halbes Jahrhundert zuvor in der Stalin-Zeit.
Dabei stand nicht der Wunsch im Vordergrund, das zu erklären, was er gemacht hat. Valery Yurlov kommentiert aus heutiger Position seine Theorie und Erlebnisse, sieht neue Lösungen, macht Entdeckungen und Offenbarungen. Seine Illustrationen und Kommentare ergänzen einander, die Beobachtungen und Gedanken des Künstlers fügen sich zu einer stimmigen Theorie.
Die Nadja Brykina Gallery in Zürich zeigt in einer Ausstellung vom 26. August bis 9. Oktober 2010 mit “Valery Yurlov. Tagebuch des Künstlers” das Lebenswerk des grossen konzeptualistischen Künstlers und russischen Nonkonformisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zur Ausstellung erscheint ein 250 Seiten dickes Buch mit dem gleichnamigen Titel “Valery Yurlov. Das Tagebuch des Künstlers”.
“Valery Yurlov. Tagebuch des Künstlers” als Buch
“Valery Yurlov. Das Tagebuch des Künstlers”
Hrsg.: Nadja Brykina, Beiträge: Valery Yurlov
Nadja Brykina Editions, 2009, 250 Seiten
ISBN 978-3-9523523-9-7 Deutsch/Französisch
ISBN 978-3-9523523-8-0 Russisch/Englisch
Quellen u.a.:
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